In Berufen der Langzeitpflege und Betreuung herrschen belastende Arbeitsbedingungen. Personalmangel, unregelmässige Arbeitszeiten und ständiger Stress schaden dem Wohlbefinden der Pflegenden und gleichzeitig der Versorgung der Betagten.
Die stationäre Langzeitpflege ist seit langem chronisch unterbesetzt. Die aktuelle Pflegefinanzierung führt zu tiefen Stellenplänen, einer durchgetakteten Pflegeplanung und zu wenig Zeit für eine gute Pflege. Das Personal wird übermässig belastet und steigt aus dem Beruf aus. Aktuell verlassen etwa 40 Prozent der Pflegenden den Beruf vorzeitig.
Dabei steigt der Bedarf an professioneller Pflege und Betreuung massiv und wird 2040 einen Höhepunkt erreichen, wenn die Babyboomer-Generation auf Pflege und Betreuung angewiesen sein wird. Der Schweiz droht eine massive Versorgungskrise in Pflege und Betreuung, deren Auswirkungen sind schon jetzt spürbar.
Doch warum steigen die Pflegenden aus?
Die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Fachhochschule Südschweiz (SUPSI) und der Unia zeigen: Beziehungsarbeit ist das Fundament einer guten Pflege. Genau das wird aber bei der Pflegefinanzierung und der Arbeitsorganisation ignoriert. «Pflege am Fliessband» belastet die psychische Gesundheit der Pflegenden, nimmt ihnen die Motivation am Beruf und befeuert so die Berufsausstiege. Denn die Pflegenden können die Arbeit nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren.
Das Projekt beruht auf Gruppendiskussionen mit Beschäftigten aus Pflegeheimen rund um die Fragen: Was bedeutet für die Mitarbeitenden aus Alters- und Pflegeheimen gute Pflege und welche Voraussetzungen braucht es dafür? Damit stellte das Projekt das erste Mal Pflegende in den Mittelpunkt der Forschung.
Die Diskussionsteilnehmenden waren sich einig: Beziehungsarbeit ist das Fundament einer guten Pflege. Einerseits um die essenziellen Bedürfnisse der Bewohner:innen zu erfüllen, andererseits weil gegenseitiges Vertrauen und die Kenntnisse über eine:n Bewohner:in Voraussetzungen für eine gute Pflege sind. Eine Pflegende konstatierte treffend: «Gute Pflege ist mehr als nur einen Körper am Leben zu erhalten!»
Durch das bestehende Finanzierungssystem wird die Pflege zunehmend rationiert und verdichtet: Jede pflegerische Handlung erhielt ein genaues, meist zu knappes Zeitbudget. Dabei wurde ignoriert, dass dieselbe Handlung unterschiedlich lange dauern kann, je nach Verfassung und Persönlichkeit der Bewohnenden. Die Entschädigungen durch Krankenkassen und öffentliche Hand werden danach ausgerichtet und sind deshalb durchwegs zu tief. «Aus Sicht der Teilnehmenden ist die Pflegefinanzierung unzureichend. Denn es wird nicht genügend anerkannt, dass der soziale Aspekt und Beziehungsarbeit ein essenzieller Teil von Pflege sind.», erklärt Nicolas Pons-Vignon, Professor an der SUPSI.
Die Arbeitsorganisation in Pflegeheimen wurde aus der industriellen Produktion abgeleitet. Dabei steht Effizienz und Produktivitätssteigerung im Vordergrund. Das widerspricht fundamental der Logik der Pflege, wonach Pflegende das Richtige und das Beste tun sollen, um das Leben der Bewohner:innen zu verbessern. «Die Pflegenden erklärten, dass sie sich verpflichtet fühlen, den Bewohner:innen zu helfen, und dass sie ein schlechtes Gewissen hätten, wenn ihre Schicht endet, bevor sie eine in ihren Augen angemessene Pflege bieten konnten. Sie wollen sie nicht im Stich lassen.» so Pons-Vignon weiter. Fehlt also die Zeit für Beziehungsarbeit und einen Vertrauensaufbau, widerspricht dies dem Berufsethos der Pflegenden und führt zu emotionaler und psychischer Erschöpfung. Die Pflegenden werden krank, steigen aus dem Beruf aus und der schon knappe Personalbestand sinkt weiter.
Gemäss Bundesamt für Statistik nimmt bis 2040 die Anzahl der über 80-jährigen um 88 Prozent zu. Derweil hält der Pflegeexodus an und es fehlt nicht nur an Pflegeheimplätzen, sondern auch an bezahlbaren Angeboten wie betreutes Wohnen oder Alltagsunterstützung und Betreuung. Ändert sich nichts, werden zwangsläufig vermehrt die Angehörigen in die Bresche springen müssen. Dies hat negative Auswirkungen auf deren berufliche Situation (mehr Gratisarbeit, weniger Erwerbsarbeit) sowie auf ihre Gesundheit (Überforderung und Überlastung) und so im Endeffekt auch auf die Gesamtgesellschaft (weniger Arbeitskräfte, mehr Gesundheitskosten).
Es braucht einen neuen Generationenvertrag: Die Versorgungssicherheit für Menschen im Alter muss als gesellschaftliche Herausforderung anerkannt und zu einer politischen Priorität werden. Eine gute Pflege und die Lebensqualität der Betagten sollten im Mittelpunkt stehen. Der demografische Wandel benötigt zwangsläufig mehr finanzielle Mittel. Die Kosten müssen gesamtgesellschaftlich gerecht verteilt werden. Dazu braucht es eine breite zivilgesellschaftliche Diskussion, die das Thema aufs politische Tapet bringt. Die Unia wird dazu ein «Manifest für gute Pflege» erarbeiten und im August eine Fachtagung gemeinsam mit weiteren Organisationen durchführen.
Während die Politik sich weigert, griffige Massnahmen für bessere Bedingungen in der Pflege zu ergreifen, dreht sich die Abwärtsspirale weiter, die schon vor Jahren begonnen hat. Bereits 2018 und 2019 zeigten zwei Umfragen der Unia, dass die Pflegenden überlastet waren und es an Unterstützung fehlte. Während der Covid-Pandemie 2020 verschärfte sich der Personalmangel markant und auch heute sind die Umfrageresultate von vor der Pandemie noch immer hochaktuell:
Die Pflegenden arbeiten regelmässig unter Stress und Zeitdruck. Sie können nicht über ihr Arbeitstempo bestimmen (69 Prozent). 53 Prozent leisten oft Überstunden, die sie nicht aufschreiben können (früher kommen, später gehen).
Durch die neue Pflegefinanzierung wurden standardisierte Zeitvorgaben für alle pflegerischen Leistungen eingeführt. Die damit einhergehende dichte Pflegeplanung wirkt sich negativ auf das Stressempfinden der Pflegenden aus. Das Arbeitstempo und die Intensität der Arbeit sind nur in wenigen Betrieben durch die Pflegenden selbst beeinflussbar. Sie nehmen die Pflege oft als Arbeit am Fliessband wahr, was nebst gesundheitlichen Folgen zu einer Unzufriedenheit mit der eigenen Pflege führt. Viele Pflegende erwähnen beispielsweise, dass sie selbst nicht so Pflegen können, wie sie dies eigentlich gelernt hätten oder sich wünschen. Diese Divergenz schlägt sich auch in den Umfrageergebnissen nieder. Für 92 Prozent der Pflegenden leidet die Pflegequalität durch Personalmangel und Spardruck.
«Wir haben ein knappes warm/satt/sauber System, keine Zeit zum gut Pflegen, viele Stürze und die Bewohner sind zu oft zu lange allein. Die Grundpflege kann man nur oberflächlich machen. Fast nie haben wir Zeit für Spaziergänge, Betreuung, etc.», so eine 62-jährige Pflegeassistentin.
67 Prozent der Pflegenden haben neben der Arbeit zu wenig Zeit für ihre Freizeit und Familie. Die Mehrheit empfindet die Dienstpläne als unausgewogen und leistet viele geteilte Dienste pro Monat. Letzteres insbesondere das Assistenzpersonal. Nur bei 20 Prozent wird die gesetzliche Ruhezeit eingehalten.
Eine 20-jährige Pflegefachfrau berichtet: «Die geteilte Dienste sind sehr belastend, jeder findet diese am schlimmsten. Man kann sich in den 4 bis 5 Stunden Pausen nicht wirklich ausruhen, da man weiss: der Tag ist nicht zu Ende, ich muss nochmals arbeiten gehen. Ich sehe, dass vor allem Pflegeassistentinnen sehr viele geteilte Dienste haben.» Die Alters- und Pflegeheime streben aufgrund der neuen Pflegefinanzierung einen möglichst effizienten Einsatz des bestehenden Pflegepersonals an. Über den einzelnen Tag hinweg gibt es zwei Spitzen: vormittags und gegen Abend, also beim Aufstehen und zu Bett gehen. Dies führt dazu, dass die Betriebe auch zu diesen Zeiten das Personal einsetzen und die Schichtsysteme entsprechend gestalten. Viele Pflegende finden die geteilten Dienste problematisch für die körperliche Belastung, aber auch für das Sozial- und Familienleben. Sie gehen zwar sehr früh aus dem Haus, kommen aber erst Spätabends wieder nach Hause.
Problematisch sind auch die häufigen und oftmals schlecht geplanten Wechsel zwischen den einzelnen Diensten. Häufige Wechsel zwischen Frühdienst, Spätdienst, geteilten Diensten und freien Tagen gehören für die Pflegenden zur Normalität. So haben Pflegende, die 80 Prozent und mehr arbeiten, nur selten zwei Tage am Stück frei. Die einzige gesetzliche Regelung: alle haben Anrecht auf zwölf freie Sonntage im Jahr. Zur Frage, ob es mehr als ein Ruhetag am Stück braucht, gibt es keine Vorgaben. Betreffend Ruhezeiten sieht das Arbeitsgesetz grundsätzlich zwar eine Mindestruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Schichten vor. Pflegeheime dürfen diese jedoch mehrmals pro Woche auf neun Stunden reduzieren, was sie offensichtlich auch ausnutzen.
Eine 28-jährige Pflegefachfrau erzählt: «Mit einem Arbeitspensum von 100 Prozent bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Das liegt auch daran, dass ca. 3 von 4 Wochenenden gearbeitet wird und man nur kurze Erholungspausen hat (meistens 1 Tag, selten 2, fast unmöglich mal 3 Tage am Stück frei). Dazu kommen die verschiedenen Schichtdienste und schnellen Wechsel, die belasten einem teilweise physisch und psychisch.»
Häufige Planänderungen, in der Freizeit erreichbar und abrufbar sein belastet die Mehrheit der Pflegenden. Auch Überstunden sind ein Problem.
«Durch das viele Einspringen und die stark belastende Arbeit findet man privat kaum die Zeit und Kraft, sich auf Hobbys, Familie etc. zu konzentrieren. Dadurch leidet das Privatleben stark.», so eine 21-jährige Pflegefachfrau.
Zusätzlich zu den schwierigen Arbeitszeiten und problematischen Schichtsystemen sind die Pflegenden auch mit häufigen Planänderungen konfrontiert. Diese werden oftmals kurzfristig telefonisch kommuniziert, was die Work-Life-Balance empfindlich stört. Diese Flexibilität wird absichtlich eingeplant und ergibt sich nicht nur zufällig. Viele Betriebe in der Langzeitpflege arbeiten mit Jahresarbeitszeitmodellen. Dies ermöglicht dem Arbeitgeber den Personalbestand, trotz Festanstellung und Monatslohn, flexibel an die Bettenauslastung und an kurzfristige Personalausfälle anzupassen.
In verschiedenen Heimen werden die Pflegenden beispielsweise selbst am Tag des Ablebens einer Bewohnerin oder eines Bewohners früher nach Hause geschickt, um die durch den Tod entstandenen Einnahmeausfälle zu kompensieren. Dadurch wird auch eine gesundheitlich sinnvolle Kompensation der Überstunden verunmöglicht, da sie nur als einzelne Stunden kompensiert werden können. Auf der anderen Seite planen die Heime absichtlich Minusstunden, um die Pflegenden bei Bedarf kurzfristig abrufen zu können und sie damit einer Bringschuld auszusetzen.
Wenig Geld für viel Arbeit. Das ist in der Pflege Realität. Viele Pflegende arbeiten Teilzeit, was den Verdienst noch schmälert. Hingegen bedeutet eine Vollzeitstelle eine sehr hohe Belastung.
Bedenkt man, welche Ausbildungen hinter Pflegeberufen stecken und wie viel Verantwortung die Pflegenden tragen, sind die Löhne sehr tief. Diese variieren stark nach Funktionsstufe. Hier einige Zahlen:
Die Frage nach dem Pensum scheint in erster Linie durch zwei Faktoren bestimmt: Einerseits hegen viele Pflegenden aufgrund der hohen Arbeitsbelastung sowie den unregelmässigen Arbeitszeiten den Wunsch ihr Pensum zu reduzieren. Andererseits aber ist dieser Wunsch aus finanzieller Perspektive nur schwer umzusetzen. Insbesondere für Fachangestellte Gesundheit und das Assistenzpersonal ist eine Pensen-Reduktion ohne eine einschneidende Reduktion des Lebensstandards nicht möglich. Problematisch ist hierbei, dass Betriebe nicht selten versuchen, überlastete oder gesundheitlich angeschlagene Pflegende zu tieferen Pensen zu zwingen – einerseits aus Gründen des Gesundheitsschutzes, andererseits aber auch weil ein grosser Anteil Pflegender mit tiefen Pensen eine flexiblere Planung ermöglicht. Dies führt aber bei einem Grossteil des Personals tatsächlich zu finanziellen Notlagen und einem Leben in Armut.
Es erstaunt deshalb auch nicht, dass bei einer Blitzumfrage auf Facebook von rund 120 Teilnehmenden 97 «mehr Lohn» als eines ihrer zwei wichtigsten Anliegen genannt haben. 16 Pflegende haben zudem erklärt, dass sie sich wünschen, nur 80 Prozent zu arbeiten, aber bei 100 Prozent Lohn.
Pflegenden schlägt ihre Arbeit körperlich und psychisch auf die Gesundheit. Sie fallen krankheitsbedingt länger aus, die meisten haben Rückenschmerzen und andere körperliche Beschwerden. Probleme mit Schlafen, depressive Verstimmungen und Angstzustände kommen ebenfalls dazu.
7 von 10 Pflegenden waren schon mal länger als einen Monat krankgeschrieben. Und typisch für Stress: Die Beschwerden treten gehäuft auf. Tatsache ist: Je schwieriger die Arbeitsbedingungen, desto mehr Beschwerden treten im Durchschnitt auf.
Die mangelnde Arbeitsgesundheit ist in Pflegeheimen ein grosses Problem. Das häufige Auftreten körperlicher Beschwerden, insbesondere von Rücken- und Gelenkschmerzen, ist ein Hinweis auf eine konstante Überbelastung der Arbeitnehmenden. Dies resultiert zwangsläufig aus den durchgetakteten Pflegearbeiten. Wird das Personal nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten eingesetzt – beispielsweise mit geteilten Diensten – führt dies im Endeffekt zu mehr Beschwerden. Es fehlen während des Arbeitstags die ruhigeren Phasen, wie beispielsweise der Austausch oder die Betreuung von Bewohner/innen.
Die häufig auftretenden psychischen Beschwerden stehen insbesondere in Zusammenhang mit den Anforderungen, die durch den Betrieb an die Flexibilität der Arbeitnehmenden gestellt werden. Von jenen Befragten, die an freien Tagen erreichbar sein müssen, leiden beispielsweise 71 Prozent an Schlafproblemen, bei denjenigen, die nicht erreichbar sein müssen sind es nur 58 Prozent. Aber auch die Führungsleistung ist ein wichtiger Faktor für das psychische Wohlbefinden.
Personalmangel ist ein grosses Problem in der Pflege. Aber auch die Zukunftsaussichten. Insbesondere jüngere Pflegende sehen langfristig keine Zukunft in ihrer Branche und wollen nicht bis ins zur Pensionierung im Beruf bleiben. Insgesamt hegt fast die Hälfte der Befragten in der Langzeitpflege einen Ausstiegswunsch.
33 Prozent gaben als Grund die «hohe Belastung durch unzureichende Arbeitsbedingungen» an, 49 Prozent begründeten ihren Ausstiegswunsch primär mit gesundheitlichen Problemen durch den Pflegeberuf.
Die Gründe für den Berufsausstieg stehen zum einen ganz klar in direkter Verbindung mit dem konstanten Druck und den oben beschriebenen schlechten Arbeitsbedingungen, die direkt zu einem Push-Effekt führen. Zum anderen sind es auch die gesundheitlichen Probleme der Beschäftigten, die sie zu einem Berufsausstieg zwingen. Auch diese stehen im Zusammenhang mit der konstanten physischen und psychischen Überbelastung des Personals.