Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände sind in der Schweiz weit davon entfernt, an Bedeutung zu verlieren. Im Gegenteil: Sie zählen weiterhin zu den einflussreichsten Akteuren in Wirtschaft und Politik. Zu diesem Schluss kommt eine neue umfassende Analyse von Andreas Rieger, ehemaliger Co-Präsident der Unia, die exklusiv auch Berechnungen des Organisationsgrads der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände in der Schweiz vorlegt.
Trotz Strukturwandel und Globalisierung verfügen die Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände nach wie vor über hohe Organisationsgrade und beträchtliche politische Durchsetzungskraft. Rund 60 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in Unternehmen, die Mitglied eines Arbeitgeber- oder Wirtschaftsverbands sind. In zentralen Branchen wie Bau, Gastgewerbe, Banken, Uhrenindustrie oder Landwirtschaft liegen die Organisationsgrade vielfach zwischen 80 und nahezu 100 Prozent.
Zwar sind die Verbände seit den 1990er-Jahren mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert: Mitgliederverluste einzelner Verbände, Fusionen und neue Konkurrenzorganisationen. Die vorliegende Analyse zeigt jedoch: Nach einer Phase der Krise haben sich die meisten Verbände organisatorisch stabilisiert oder sogar gestärkt und neue Verbände sind dazugekommen – insbesondere in wachsenden Dienstleistungsbranchen wie Gesundheit, Logistik, Rohstoffhandel oder Pflege. Gleichzeitig ist es zu Kräfteverschiebungen gekommen.
Die viel beschworene «Krise der Verbände» hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Arbeitgeberverbände spielen weiterhin eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Arbeitsmarktregeln, beim Abschluss und Vollzug von Gesamtarbeitsverträgen (GAV), in der Berufsbildung, im Sozialversicherungswesen und in der politischen Lobbyarbeit.
Die drei grossen Dachverbände – Schweizerischer Arbeitgeberverband (SAV), Schweizerischer Gewerbeverband (SGV) und Economiesuisse – haben unterschiedliche Rollen und Reichweiten. Während der SAV arbeitsmarktpolitisch verankert bleibt und zuletzt wieder vermehrt auf sozialpartnerschaftliche Kompromisse setzt, kämpft Economiesuisse mit internen Interessengegensätzen. Die Dachverbände bleiben dennoch zentrale Plattformen zur Bündelung von Interessen.
Zusätzlich beleuchtet die Studie auch die Präsenz der Schweizer Verbände auf europäischer und globaler Ebene. Die Eigenlobbyarbeit multinationaler Unternehmen – insbesondere auf europäischer und globaler Ebene – ist stark gewachsen. Grosskonzerne agieren immer häufiger unabhängig von Verbänden und investieren Millionen in direkte politische Einflussnahme. Dies schwächt die kollektive Stimme der Wirtschaft international, ersetzt sie aber nicht auf nationaler Ebene.
Für die Unia ist klar: Starke Arbeitgeberverbände sind eine Voraussetzung für funktionierende Sozialpartnerschaft. Gerade in Zeiten von EU-Verhandlungen, Digitalisierung, Pflegekrise und Transformation der Wirtschaft braucht es organisierte und verlässliche Gegenüber. So bilanziert Unia-Präsidentin Vania Alleva: «Wenn es in den kommenden Jahren gelingen soll, geregelte Beziehungen mit der EU verbindlich abzuschliessen, dann kann das nur geschehen, wenn Verbände dabei eine zentrale Rolle spielen. Sie kennen den europäischen Binnenmarkt und Arbeitsmarkt besser als Parteien und ideologische Gruppen. Und sie können dafür sorgen, dass in der Schweiz selbst Regeln gelten, welche mögliche negative Folgen der Integration in den Binnenmarkt abwehren oder kompensieren können.»
Die Studie (PDF) herunterladen Andreas Rieger: «Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände in der Schweiz»
Gewerkschaft Unia 2026