Jedes Jahr kommen drei Lernende bei einem Arbeitsunfall ums Leben

Während das duale Bildungssystem regelmässig als Erfolgsmodell präsentiert wird, zeigt ein neuer Bericht, dass in der Schweiz jedes Jahr rund 23’000 Lernende einen Arbeitsunfall haben, davon drei mit tödlichem Ausgang. Mit einer grossen Aktion auf dem Bundesplatz forderte die Unia Jugend dringende Massnahmen zum besseren Schutz der Lernenden: mehr Ferien, eine bessere Betreuung und strenge Kontrollen in den Ausbildungsbetrieben.

Das Duale Bildungsmodell ist Teil des Schweizer «Nationalstolzes». Eine aktuelle Studie bestätigt zudem, dass die Berufslehre ein lukratives Geschäft ist: Ausbildungsbetriebe erzielen nämlich einen durchschnittlichen Nettogewinn von 4540 Franken pro Jahr und Lehrvertrag. Doch trotz des bedeutenden Beitrags der jungen Lernenden werden ihre Sicherheit und ihre Gesundheit allzu oft geopfert. 

Alarmierende Zahlen

Ein neuer Bericht der Suva über Unfälle während der Lehre, der vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) in Auftrag gegeben wurde, offenbart eine erschreckende Realität:

  • Jedes Jahr haben 23’000 Lernende in der Schweiz einen Arbeitsunfall.
  • Jede:r neunte Lernende hat während der Ausbildung bereits einen Unfall erlitten. Lernende haben somit ein etwa doppelt so hohes Unfallrisiko wie andere Arbeitnehmende.
  • Und was noch tragischer ist: Jedes Jahr kommen drei Lernende bei einem Arbeitsunfall ums Leben. Seit rund zehn Jahren ist diese Zahl leider konstant.

Für die Unia ist es absolut inakzeptabel, dass Lernende am Arbeitsplatz nicht hinreichend geschützt sind. «Hinter diesen Zahlen stehen junge Menschen, deren Lebenswege schon kurz nach ihrem Beginn zerstört wurden. Auf den dualen Bildungsweg darf man gewiss stolz sein. Aber wir müssen unsere Verantwortung auch wahrnehmen und die Lernenden besser schützen», betont Félicia Fasel, nationale Jugendsekretärin der Gewerkschaft Unia. Sie fügt an: «Fast alle Todesfälle ereigneten sich im ersten Lehrjahr – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Betreuung bei Weitem nicht ausreicht.»

Jugendliche protestieren mit grosser Aktion in Bern

Um diese Situation anzuprangern, versammelten sich gestern in Bern Lernende und junge Arbeitnehmende im Rahmen der Unia-Jugendkonferenz und machten lautstark klar: «Keine Zukunft ohne Schutz der Lernenden!» Heute trafen sich die Jugendlichen zu einer grossen Aktion auf dem Bundesplatz. Beteiligt waren Lernende aus dem ganzen Land sowie verschiedene Jugendorganisationen, darunter die Jugendkommission des SGB, die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV), Pro Juventute und die Lernendenbewegung Scorpio. Die jungen Menschen gedachten insbesondere der Lernenden, die bei der Arbeit ums Leben gekommen sind.

Lernende müssen besser geschützt werden

Léonie (Pseudonym), Lernende im Pflegebereich, betont im Namen ihrer Mitlernenden: «Das Einzige, was wir wollen, ist, dass man uns zuhört und dass sich etwas ändert.» 

Ali (Pseudonym) wurde in seinem ersten Lehrjahr als Spengler Opfer eines Unfalls: «In der Schule lernen wir, dass wir kein Gerüst betreten dürfen, wenn es nicht vorschriftsgemäss ist. Aber in meinem ersten Betrieb war ihnen das egal. Man muss arbeiten, koste es, was es wolle. Der Beweis: Schon im ersten Monat bin ich vom Dach gefallen. Es gab nicht einmal ein Gerüst, nur eine Leiter. Ich war auf einem glitschigen Dach, bin ausgerutscht und abgestürzt…»

Die Lernenden fordern gemeinsam mit der Unia, die sofortige Anpassung der Ausbildungsbedingungen:

  • Mehr Erholung: Eine Erhöhung der Anzahl Ferienwochen, um Erschöpfung zu verhindern – eine Hauptursache für Unfälle.
  • Bessere Betreuung: Eine bessere pädagogische und sicherheitstechnische Ausbildung für die Ausbilder:innen im Betrieb sowie mehr Ressourcen, um die Lernenden bestmöglich zu betreuen.
  • Strenge Kontrollen: Die Einführung regelmässiger, unabhängiger und unangekündigter Kontrollen in den Ausbildungsbetrieben, um die Einhaltung der Schutzvorschriften zu gewährleisten.